henry_il_sognatore Hannes Pohl

Magie und Träumerei, Krieg und Verbundenheit. Ein neuer Name, eine neue Welt, alles ändert sich durch wenige Worte.


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#dreaming #217
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Vergilbtes Papier

Ein seichter Windhauch wehte ihm ins Gesicht, Strahlen der untergehenden Sonne blendeten ihn. Genau so hatte er sich die letzte Etappe seiner Reise vorgestellt. Italien, Spanien, Deutschland, die baltischen Staaten waren nichts im Vergleich zu diesen unendlichen Weiten Sibiriens. Gigantische Wälder erblickte er, Flüsse und Seen erschienen so nah von dort oben, majestätische Gebirge lagen in weiter Ferne. Bis zu seinem Achtzehnten würde er wieder zurück in Frankreich sein, so war der Plan.


Es waren inzwischen einige Stunden vergangen seitdem er zuletzt in einem Dorf vorbeigekommen war und es fällt nicht schwer sich in diesen endlosen Weiten zu verlaufen. Die Sonne senkte sich allmählich ins Meer von Baumwipfeln herab, die Nacht brach ein und mit ihr die Kälte. Doch er beachtete beides nicht, den Jungen zog weiter hinauf zu den Gipfeln des Berges. Er war noch weit von seinem Ziel entfernt, da sah er sie. Es schien ihm wohl der unwahrscheinlichste Ort für eine Kapelle, doch da stand sie plötzlich, nicht weit unter ihm. Der Abstieg hinunter war mühsam und so verschwand die Sonne bereits am Horizont als er die Tür des kleinen Hauses erreichte. Es schien lange keine Besucher mehr gehabt zu haben, doch lies die Tür sich, bis auf das schrille Ächzen, das sie von sich gab, problemlos öffnen. Es war düster, durch schmale Fenster fiel das letzte Licht des Tages als er die Kammer betrat. Morsche Bänke standen kreuz und quer, Regale, die einst an den Wänden gestanden haben müssen, lagen in Einzelteilen zwischen den Bänken. Ein Fleck von Bleiche an der gegenüberliegenden Wand wies darauf hin, dass dort mal eine Skulptur gestanden hat. Neugierig bahnte sich der Junge einen Weg zwischen den Bänken. Früher einmal waren diese Regale wohl mit Büchern gefüllt gewesen, nun schimmelte nur noch hier und da eines vor sich hin. Seiten haben sich aus den Einwänden gelöst und verbreiteten sich nun in der gesamten Kapelle. Der Junge griff nach einem Papier, das besonders gut erhalten war. Verse in kyrillischer Schrift tummelten sich darauf. Fasziniert studierte er die Zeilen, selten war er so froh gewesen Russisch gelernt zu haben. Die Buchstaben waren seltsam verschnörkelt, wie im Tanz bewegten sie sich über das vergilbte Papier. Es waren schöne Worte, wie aus einer anderen Zeit, von weither schienen sie zu kommen. Aus einer Welt, so fremd und seltsam vertraut zugleich, wir jener Ort, den sie umschrieben. Er schloß die Augen, stellte sich vor:


Die Worte malten eine Landschaft, ein Bergring von Tannen umwipfelt, bedeckt von hohem Schnee. Der Ring umschließt ein Tal, Wiesen auf denen der Frühling sprießt. Ein einfaches Haus, wie es die Bauern in früheren Zeiten wohl bewohnten, thront nahe der Grenze von Frühling und Winter. Nicht weit vom Hause, inmitten der Frühlingslandschaft erstreckt sich ein Hang, wie ein weiteres Tal im Tal. Die Worte hauchten Klänge in die Luft. Ein seichter Wind, Vogelgesang, das Plätschern eines Baches. Süßlicher Geruch von Gras und Blütenblättern rauschten ihm um die Nase. Er spürte den Schnee unter seinen Füßen, Kälte kroch ihm zwischen die Kleider. Es fröstelte ihm und er öffnete die Augen, doch statt der dunklen Kammer, präsentierte sich ihm nach wie vor das selbe Bild, nur wirkte es nun nur noch realer, noch wirklicher. Erstaunt drehte der Junge sich um, blickte in einen tief blauen Himmel, in den vereinzelte Wolken kunstvoll ihre Geschichten skizzierten, beobachtete Vogelschwärme, hörte ihre Rufe. Ungläubig schloss er wieder die Augen, schüttelte den Kopf, als könnte er so das falsche Bild von seinen Augen schütteln. Ohne Erfolg. Er war immer noch da.


Eine ganze Weile verblieb er, atmend, verwirrt, staunend, vielleicht auch fasziniert, bis er sich endlich in Bewegung setzte. Es lag nicht viel Weg zwischen ihm und dem Haus.

June 20, 2022, 7:08 p.m. 0 Report Embed Follow story
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