kristin-sypiena1630230473 Kristin Sypiena

Es ist das Jahr 2060. Auf der Erde leben nur noch zwei Milliarden Menschen. Die restlichen fünf Milliarden wurden durch absichtlich herbeigeführte Umweltkatastrophen und Pandemien ausgelöscht. Die Gesellschaft ist gespalten: Die Mehrheit lebt unter der Obhut des Staates im Sklaventum, während sich einige wenige eine Parallelgesellschaft außerhalb aufgebaut haben. Sie nennen sich „die Aussteigergesellschaft". Lucy gehört zu den Aussteigern. Dort wurde sie hineingeboren. Von der „anderen" Welt weiß sie nicht viel und hat sie auch noch nie gesehen. So neugierig, wie Lucy ist, macht sie sich auf den Weg in ein verbotenes Gebiet und lernt dort Ben kennen. Ein Junge, der ihr verschiedener nicht sein könnte. Doch was sie mit ihrer Reise für ein Chaos anrichtet, war ihr nicht bewusst


Teen Fiction All public.

#inkspiredstory #zukunft #zukunftsdystopie #reichtum #Technologie #Fortschritt #regierung #Staat #Gesellschaft
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Kapitel 1

Haben sich meine Eltern damals richtig entschieden?


Eine Frage, die ich mir, als ich älter wurde, immer mehr und mehr stellte.


Alles könnte grundverschieden sein, wenn sie damals etwas anderes gewählt hätten.


Und heute war mal wieder so ein Tag. Ein Tag, an dem ich alles in Zweifel setzte. Alles in Frage stellte und Vieles befürchtete.


Dieses Zweifeln setzte immer an Tagen wie heute ein. An Tagen, an denen ich um sechs Uhr morgens aufstehen musste. Um sieben Uhr die ersten Ställe ausmistete. Um acht Uhr Obst und Gemüse erntete und um zehn Uhr auf den Feldern Heu machte.


Vielleicht könnte alles auch einfacher sein. Viel einfacher.


„Nicht einschlafen, Lucy!" Die Stimme meines besten Freundes Nelio holte mich aus meinen Träumereien heraus. Arbeiten ist angesagt, wollte sie mir vermitteln.


„Sorry, ich bin gerade nicht so bei der Sache", erwiderte ich und warf ihm mit Mühe den nächsten Heuballen hoch auf die Kutsche zu. Besser gesagt, ich versuchte, ihn hochzuwerfen. Auf halben Wege fiel er wieder herunter. Meine Kräfte hatten mich so langsam verlassen.


„Hey, was ist denn heute mit dir los? Du bist doch sonst nicht so lahm." Nelio sah mich mit seinen tiefblauen Augen fragend an. In dieser Farbe stellte ich mir das Meer vor. Was würde ich alles dafür geben, es irgendwann einmal in Wirklichkeit zu sehen. Und nicht nur auf Bildern.


„Ach nichts, ich habe mal wieder so eine Phase."


„So eine Phase, in der du dir Gedanken machst, was alles hätte anders sein können?"


„Ja genau, diese Phase."


„Lucy, sei froh, dass wir hier leben."


„Ich weiß, ich soll dankbar sein und alles, aber möchtest du nicht wissen, wie die Welt aussieht? Wie andere Menschen leben? Wie andere Kontinente besiedelt sind? Was es für Tiere gibt, außerhalb unseres Gebietes? Ich habe so viele Bücher darüber gelesen!"


„Nein Lucy, das will ich nicht. Und du willst es auch nicht, das weißt du genau! Die Welt ist nicht mehr so, wie sie in deinen Büchern steht."


„Woher willst du wissen, wie die Welt ist, wenn du sie noch nie gesehen hast?" Ich war wütend. Wütend und verzweifelt. Und traurig. Warum verstand mich denn keiner? Warum sagten alle hier das Gleiche wie Nelio? Ich dachte, wir tolerierten unterschiedliche Meinungen, aber alle schienen das selbe zu denken. Niemand wollte sich die Welt anschauen!


Und das, obwohl wir im Unterricht doch immer lernten, wie wichtig es sei, dass wir neugierig und offen waren.


„Ich glaube unseren Eltern und den anderen das, was sie uns von früher erzählen. Sie haben nicht ohne Grund ihr damaliges Leben aufgegeben und es um 180 Grad gewandelt. Sie sind nicht ohne Grund ausgestiegen aus der damaligen Gesellschaft, um hier hinzukommen."


„Ich glaube ihnen ja auch. Aber es ist eine lange Zeit vergangen, in der viel passieren und sich einiges verändern konnte. Vielleicht hat sich die Welt ja ins Positive gewandelt. Und es ist nicht mehr so, wie es damals war, wer weiß das schon?"


„Ja, es ist auch nicht mehr so, wie damals. Es ist viel, viel schlimmer. Begreife das doch endlich!"


„Nelio, das können wir nicht wissen! Niemand war hinter dem Zaun, seit sechzehn Jahren nicht!"


„Es kann sich gar nicht ins Positive gewandelt haben! Die einzigen Leute, die damals gegen das System protestiert haben, sind schließlich abgehauen und nun hier. Die anderen haben die damalige Gesellschaftsordnung unterstützt. Und von alleine kann sich so ein System nicht verändern."


„Oh man, ich weiß doch auch nicht weiter. Vielleicht hast du ja Recht. Aber verstehst du denn nicht, dass ich mich hier einfach wie gefangen fühle?"


„Nein, das kann ich tatsächlich nicht verstehen. Das, was du sagst, ist so absurd. Gefangen müsstest du dich fühlen, wenn du bei den anderen wärst! Du kannst froh sein, dass deine Mam und dein Dad für die Freiheit gekämpft, statt wie andere Eltern, alles mitgemacht haben! Die Kinder dort drüben konnten sich ihr Leben nicht aussuchen, konnten sich nicht frei entscheiden und wurden in dieses Leben gezwungen."


„Das wurde ich auch!" Ich explodierte beinahe. Verstand er denn nicht, dass seine Argumentation so paradox war?


„Lucy, ich sage es noch einmal, du kannst froh sein, hier zu leben! Du könntest bestimmt hinter den Zaun gehen, wenn du das wirklich willst. Niemand hier würde dich davon abhalten. Aber das wäre dumm. Denn, ob du dann wieder zurück kannst, ist die andere Frage. Und die Menschen hinter dem Zaun haben bestimmt nicht so einfach die Möglichkeit, zu uns zu kommen. Falls sie überhaupt von unserer Existenz wissen. Sei froh, dass es uns hier so gut geht und sie uns seit Jahren in Ruhe leben lassen!"


Gut, irgendwo hatte Nelio ja schon Recht. Manchmal war ich einfach nur verzweifelt, wenn ich Bücher von früher las. Bücher über ein Leben, das ich niemals leben würde. Aber vielleicht hatte er Recht und es gab dieses Leben auch außerhalb des Zaunes nicht mehr. Vielleicht war dieses Leben wirklich für immer Vergangenheit? Diese Ungewissheit brachte mich zum Verzweifeln.


Und was mich auch zum Verzweifeln brachte, war, dass ich mir ständig die Frage stellte, ob vielleicht alles anders gelaufen wäre, wenn Mam und Dad und die ganzen anderen Menschen, die nun hier leben, damals nicht einfach abgehauen wären, sondern immer weiter gekämpft hätten.


Immer weiter und weiter. Warum sie das nicht taten, fragte ich mich oft.


In meinen schlaflosen Nächten, in denen ich mir wünschte, ein anderes Leben zu haben. Ein Leben, wie Mam und Dad es in meinem Alter hatten.


Ein Leben, wie sie es hatten, bevor es so weit kam, dass sie sich gezwungen fühlten, auf die Straße zu gehen und zu protestieren.


Auch, wenn Mam und Dad es mir tausendmal versucht hatten, zu erklären. Sie wollten sich und vor allem mein einjähriges kleines ich in Sicherheit bringen, sagten sie immer.


Nach fünf Jahren des Kämpfens hätten sie keine Energie mehr gehabt und dachten, jedes Einsetzen sei aussichtslos.


Sie hatten keine Kraft mehr, sich weiter einzusetzen für etwas, das hoffnungslos erschien.


Sie wünschten sich endlich Sicherheit. Für sich und mein einjähriges Ich, sagten sie.


Ich kam auf die Welt in der schlimmsten Zeit, die man sich aussuchen konnte, sagte Mama immer. Eigentlich wollten sie mich nicht. Zumindest war ich nicht geplant. Sie wollten kein Kind in die damalige Welt setzen. Die Welt, die abseits von uns allerdings noch existiert, wie sie immer vermuten.


Oder noch schlimmer geworden ist, wie Nelio und die anderen alle sagen.


Oder vielleicht auch besser geworden ist, wie ich insgeheim hoffte. Auch, wenn alles dagegen sprach.


Mam und Dad wollten es niemandem antun, in diese Welt zu kommen. Aber dann passierte es doch. Und natürlich ließen sie mir das Leben gewähren. Meine Mam ist der Ansicht, jede menschliche Seele sucht es sich aus, zu einem bestimmten Zeitpunkt auf die Erde zu kommen.


Und so meint sie, ich habe es mir ausgesucht, zur schlimmsten Zeit der Menschheitsgeschichte in der Welt zu erscheinen. Was ich davon halten sollte, wusste ich nicht so Recht.


Aber selbst, wenn Mam das alles nicht glauben würde, wäre sie niemals auf die Idee gekommen, mich abtreiben zu lassen. Auch, wenn Abtreibungen damals ein gängiges Mittel waren. Ein gängiges Mittel, das sie gerne gemacht haben. Ein gängiges Mittel, für das sogar geworben wurde.


Freundinnen-Abtreibung: Zwei Abtreibungen zum Preis von einen.


Wie absurd das auch klingen mag, dieser Werbespruch prang auf großen Plakaten in der Stadt.


In der Welt, in der ich nun lebe, geht so etwas nicht. Wir haben dafür keine Möglichkeiten. Aber in dieser Welt sind wir uns alle einig, dass wir so etwas niemals tun würden. Denn diese Welt ist eine friedliche Welt. Wir würden niemandem das Leben verwehren.


Aber es gibt noch diese zweite Welt.


Eine Welt, die von unserer grundverschieden ist.


Eine Welt hinter dem Zaun.


Eine Welt, die das Grauen in sich sein soll.


Eine Welt, die ich noch nie gesehen habe und auch nicht sehen soll.


Eine Welt, die ich am Liebsten einmal kennenlernen würde.



April 7, 2022, 7:16 p.m. 0 Report Embed Follow story
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