christin Christine Mia

Als der Rittmeister Kyrill zum ersten Mal die Nähe seines rätselhaften Besuchers fühlte, waren die äußeren Umstände solcher Art, daß man eher alles Andere hätte erwarten können, als den Eintritt eines so fremdartigen und so heftig eingreifenden Schicksals...


Klassiker Alles öffentlich.

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I

Als der Rittmeister Kyrill zum ersten Mal die Nähe seines rätselhaften Besuchers fühlte, waren die äußeren Umstände solcher Art, daß man eher alles Andere hätte erwarten können, als den Eintritt eines so fremdartigen und so heftig eingreifenden Schicksals. Eine auch nur annähernd befriedigende Aufklärung hat die Angelegenheit niemals gefunden, die Prüfung der hinterlassenen Papiere des Rittmeisters trug eher noch zur Verdunkelung des Geheimnisses bei, auch sorgte das Regiment im eigenen Interesse und aus Rücksicht auf die Angehörigen des Verstorbenen dafür, daß so wenig wie möglich bestimmte Nachricht über diesen Fall in die Öffentlichkeit dringe – und so bleibt der Erzählung nichts Anderes übrig, als in einfacher Wiedergabe die einzelnen Tatsachen nebeneinander zu stellen und alle Rätsel und Fragen, die sich dem Betrachter aufdrängen möchten, selbst ohne den Versuch einer Deutung in ihrem notwendigen Dunkel zu lassen. Bei dem völligen Mangel an allen vernunftgemäß greifbaren Anhaltspunkten bleibt es zudem bis zum äußersten ungewiß, ob eine Aufhellung des Falles von der einen oder der anderen Seite her jemals noch erfolgen könnte.

Der Rittmeister befand sich auf Urlaub in der Hauptstadt. Nach einer anstrengenden Eisenbahnfahrt war er am Morgen in St. Petersburg angelangt, hatte in seiner Wohnung ein Bad genommen, die Meldung in der Kommandantur erledigt, eine lange Reihe von Besuchen gemacht, auch bei einem früheren Kommandeur seines Regimentes in großer Gesellschaft zu Mittag gespeist, war darauf in ein Sommertheater gefahren, und gegen Mitternacht saß er mit einigen Bekannten in einem jener Sonderzimmer, die mit Logen in Verbindung stehen, von denen aus die Vorgänge auf der Bühne und im großen Speisesaal verfolgt werden können. Die heftige Steigerung, die der lebendige Betrieb der großen Stadt im Gegensatz zur gewohnten Stille der Garnison auch dieses Mal in ihm wachgerufen hatte, war noch in voller Kraft wirksam und ließ keine Abspannung in ihm aufkommen; sie zog im Gegenteil beständig neue Nahrung aus der aufreizenden Musik, aus dem Anblick der Menschen, der schönen Toiletten und Hüte, des Silbers und Kristalls auf den Tischen, und den gelben, leise gehenden Zigeunerinnen in ihren nüchternen schwarzen Kleidern, die zu der Helle und Buntheit um sie her einen fast beunruhigend eindrucksvollen Gegensatz bildeten. Kyrill, die Arme auf die Brüstung gestützt, ließ die Augen mit einer ihn selbst befremdenden Spannung zwischen Bühne und Saal hin und wieder gehen und mehrfach überkam ihn die Empfindung, als löste sich seine Loge von der Wand und ginge wie ein Kahn über das bunte Menschengetriebe hinweg, so daß er zugleich an einen schnellen Galoppritt über das unter ihm nach rückwärts hinschießende Feld erinnert wurde. Weil nun diese Erscheinungen, obwohl er sie immer wieder von sich zu scheuchen suchte, mit der lästigen Nachdrücklichkeit von Fieberträumen sich wieder und wieder an ihn herandrängten, stand er auf und trat in das Zimmer zurück, wo sich mittlerweile der Zigeunerchor versammelt hatte und nur auf den einleitenden Akkord des Klavierspielers wartete, um den Vortrag eines seiner wilden und zugleich sehnsüchtigen Lieder zu beginnen. Kyrill füllte ein Glas mit Wein und schritt auf eine ganz junge und in ihrem schwarzen hochgeschlossenen Kleid fast überschlank erscheinende Zigeunerin zu, die in der ersten Reihe des Chores saß, die Frage des Rittmeisters, wie sie heiße, durchaus keiner Antwort würdigte und das dargebotene Glas mit einem leichten Kopfschütteln von sich wies. Sara heißt sie, antwortete eine Männerstimme aus dem Chor, Kyrill aber wandte sich scheinbar ohne jedes Verwundertsein ab und ging mit seltsam vorsichtigen Schritten, wie einer, der auf gänzlich fremdem Boden sich bewegt, bis zur gegenüberliegenden Wand, im Vorbeigehen das Glas mit einem langsam bedächtigen Wurf unter den Tisch werfend. Ein voller Klavierakkord übertönte das Klirren des Glases, Kyrill lehnte sich an die Wand und heftete seinen Blick mit hartnäckiger Bestimmtheit auf Sara, die beim er sten Ton der Musik aufgesprungen war und mit einer rätselhaft tiefen Stimme, die kein Mensch in diesem jungen und schmächtigen Körper hätte vermuten können, zu singen anhub. Wer singt nur aus ihr heraus, dachte der Rittmeister, das ist doch nicht diese junge Zigeunerin, es ist ein Land oder ein Volk oder ein Geist oder der Teufel ... und bald hatte die Frage nach dem eigentlichen Urheber dieses dunklen Singens alle übrigen Vorstellungen aus Kyrills Hirn verdrängt und er begleitete in Gedanken den Gesang mit einem hastig wiederholten: wer? wer? wer? im Takte der Melodie. Als die Musik verstummt war und Sara wieder fast regungslos in der Mitte ihrer Gefährtinnen saß, schien es dem Rittmeister, als wäre die Welt jetzt in ihren, wesenlosen Schlaf der Wirklichkeit zurückgefallen und das eigentlich wahre Leben, das Leben des Traums, sei unwiederbringlich vorüber. Festhalten! – dachte er – nur jetzt nicht loslassen, sonst ist alles vorbei! – und schon hatte er den Leiter des Chors, einen ältlichen Zigeuner mit glattem Scheitel und hängendem Schnurrbart, zu sich herangewinkt und ihm seine Forderung, daß er Sara haben müsse und dem Chor gegenüber zu jeder Entschädigung bereit sei, wie einen Revolver auf die Brust gesetzt. Der Zigeuner zog Sara und deren Mutter in die Verhandlung, doch Sara setzte allen Mitteln der Überredung einen so still-entschlossenen Widerstand entgegen, daß Kyrill sich die Wucht der Enttäuschung fast wie eine Ohnmacht auf sein Herz legen fühlte; doch raffte er sich noch einmal zusammen, warf mit den Worten: da zähle! seine gefüllte Brieftasche in die geschickt ausgestreckten Hände des Chorleiters und fügte noch hinzu, daß der Chor die Tasche behalten dürfe, sofern ihm, dem Rittmeister, Sara für die kurze Zeit seines Urlaubs überlassen werde. Der Zigeuner legte nach einer kurzen Prüfung die Brieftasche mit Überwindung in des Rittmeisters Hände zurück und führte mit Zähigkeit die Verhandlung weiter. Kyrill aber wandte sich mit dem verlorenen Gesichtsausdruck eines Vabanque-Spielers von der streitenden Gruppe ab und setzte sich an den Tisch zu seinen Freunden, wo er ohne Teilnahme die folgenden Lieder des Chors an seinen Ohren vorbeirauschen ließ und nicht einmal aufblickte, als der Chor nach Verlauf einer Viertelstunde seine Vorträge beendet hatte und alle Männer und Frauen, Sara mit eingeschlossen, einer nach dem anderen hinter der Tür verschwanden. Der Rittmeister wußte später selbst nicht mehr zu erzählen, in welcher Stimmung er die übrige Zeit am Tisch seiner Freunde verbracht hatte, denn der Augenblick, als er später durch das Portal in die Nacht hinaustrat und im Schatten des Hauses die dunklen Gestalten Saras und des alten Zigeuners auf sich zugehen sah, erfüllte ihn mit einem so erschütternden Übermaß von Glück, daß alles Vorangegangene wie mit einem Schlage ausgelöscht war und er eine Zeitlang nach Luft ringen mußte, wie ein Ertrinkender, der die Wasser eines großen und von der Sonne beschienenen Meeres über sich zusammenschlagen fühlt. Die Brieftasche verschwand sogleich unter dem schäbigen Überzieher des Zigeuners und Kyrill fuhr mit Sara durch die trotz der vorgerückten Nachtstunde noch immer nicht stillgewordenen Straßen nach seiner Wohnung. Während der ganzen Fahrt blieb Sara stumm, der Rittmeister aber sprach unaufhörlich wie ein Berauschter auf sie ein und das Folgende war der ungefähre Inhalt seiner Rede: sie müsse nun wissen, wie sehr er sie liebe; dies mußte sein, er hätte sich sonst töten müssen, wenn es nicht so gekommen wäre; sie könne es noch nicht glauben, daß es so sein mußte, er aber wisse es und auch sie werde es wissen; beim ersten Anblick schon habe er es gefühlt: nichts, nichts mehr gebe es auf der Welt, es gebe keine Stadt und keinen Himmel, nur sie ganz allein sei da und er ganz allein sei da und es gebe sonst nichts, als daß er sie liebe und daß auch sie es einmal glauben werde; man dächte vieles zu wissen, dann aber komme ein Augenblick, in dem man erkennt, daß es nur eines zu wissen gebe, und nichts Anderes sei wissenswürdig. So ungefähr hatte der Rittmeister zu Sara gesprochen und dann waren sie vor seiner Wohnung angelangt. Kyrill entlohnte den Kutscher, sie gingen ins Haus, auf der halbdunklen Treppe aber legte Sara plötzlich ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf die Stirn, ungeschickt, wie ein halbwüchsiges Mädchen küßt. Er erwiderte den Kuß mit einer scheuen Zurückhaltung, über die er sich selbst ein wenig wundern mußte, und sie betraten die Wohnung, in der sie einen gedeckten Tisch, das Bad und das hellerleuchtete Schlafzimmer bereitet fanden, wie Neuvermählte nach ihrer Hochzeit.

Kurz darauf geschah es, daß das Schicksal zum ersten Mal seine Hand mit voller Wucht an das Herz Kyrills legte. Es war alles so gekommen, wie er es nicht vorauszusehen gewagt hatte. Er hatte die Empfindung wie ein mit unbegreiflicher Gewalt brennendes Feuer aus dem Mädchen emporschlagen sehen, Sara drängte sich in seine Arme wie Schutz suchend vor der Fülle eines nicht mehr erträglichen Lichtes. Jetzt auf einmal konnte auch sie ihr Gefühl sagen und sie tat es beinahe mit den nämlichen Worten, die der Rittmeister vorher während ihrer nächtlichen Fahrt durch die Stadt gebraucht hatte. Doch während sie mit ihrer dunklen und rätselhaft tiefen Stimme immer süßere und stärkere Worte sprach, wurde Kyrill von einem furchtähnlichen Gefühl ergriffen, als sei ein Dritter im Zimmer, der sich zugleich mit ihnen eingeschlichen habe, um teilzunehmen an dem Wunder, das zwischen ihm und der Zigeunerin in so kurzer Zeit vorgegangen war. Er stand auf und drückte die Türklinke nieder, fand aber die Tür verschlossen. Er zündete alle Kerzen an, wußte aber bei jedem Schritt, den er dieser Verrichtung halber zu tun hatte, jenen Dritten neben sich. Erst als er sich Sara wieder näherte, schien der Druck weichen zu wollen, doch wie erstaunte er, da er die Augen der Zigeunerin mit einer Kraft und Heiligkeit des Ausdrucks auf sich gerichtet sah, die ihn ein ähnliches Gefühl der Ehrfurcht empfinden ließ wie vor wenigen Stunden während ihres Gesanges; gleichzeitig ergriff der Rhythmus jenes Liedes mit einem Sprunge Besitz von seinen Nerven und er hörte wieder die quälend sich wiederholende Frage: wer? wer? wer? den Takten der Melodie folgen. Dann aber hob ihm das Mädchen sein gelbes, von schwarzem Haar umrahmtes Gesicht und die gelben Hände und Arme aus dem Weiß der Kissen mit einer so unwiderstehlich rührenden Gebärde entgegen, daß Kyrill alles um ihrer Anmut willen vergaß und sich von dem mit zartester Helligkeit leuchtenden Meer seines Glücks ganz und gar überfluten ließ.

Gegen Morgen weckte ihn die Berührung einer fremden Hand aus einem leichten Halbschlummer. Er fuhr empor und war sich mit Sicherheit sofort wieder der Gegenwart eines mächtigen und unsichtbaren Wesens bewußt. Die Zigeunerin, wie ein Kind in einem Winkel des Bettes zusammengerollt, schlief ruhig, und ihre Lippen waren leicht geöffnet wie bei einem Kind. Kyrill erinnerte sich nicht, jemals in seinem Leben etwas Lieblicheres gesehen zu haben. Aber es war ein fremder Atem in seinem Zimmer, die gewaltig-stille Bewegung einer fremden und doch wieder wohlbekannten Kraft, und Kyrills Beklommenheit mengte sich seltsam mit Ehrfurcht. Es fielen ihm Stunden ein, da er im Grase auf dem Rücken lag und die Weite des blauen Himmels sich in das Unermeßliche ausbreitete. Er dachte an die Bewegung der Sterne durch die Unendlichkeit des Raumes. Und jetzt schien es ihm, als hätte die Weite des Himmels und die Unendlichkeit des Raumes und das Hinstürmen der Weltkörper, verdichtet zu seelischer Substanz, von seinem Herzen und von seinem Zimmer Besitz ergriffen. Sein nächster Gedanke war der Gedanke an Gott.

Einen Augenblick lang hatte er die Empfindung wie von einem kalten Erschauern über den ganzen Körper, doch schüttelte er sie gleich ab und machte sich daran, in seinem Zimmer Ordnung zu schaffen. Das Mädchen sollte in einer schönen und klaren Umgebung erwachen. Er zog leise die mittlere große Lade seines Schreibtisches heraus und räumte im Auf-und Niedergehen alles Unschöne und Überflüssige da hinein. Der Kasten war bald gefüllt und das leere Fach eines Schrankes mußte aushelfen. Er ging in wachsender Unruhe hin und her und bald war ihm kein Gegenstand gut genug, um vor Saras Augen bestehen zu können. Viele Jahre seines Lebens hatte er unter diesen und ähnlichen Gegenständen verbracht, ohne zu merken, daß sie alle miteinander häßlich oder gewöhnlich waren. Schön waren die alten Reiterpistolen. Schön war der Armstuhl – der aber hatte seiner Mutter gehört. Am liebsten hätte er fast sein ganzes Zimmer in die Schränke geräumt. Und mit einem Mal erkannte er den Grund seiner Unruhe: alle seine Schritte hatten doppelt geklungen, der Andere war neben ihm auf und niedergegangen, hatte ihm über die Schulter geblickt und ihn selbst mit all den übriggebliebenen Erinnerungen an sein früheres Leben zu leicht befunden.

Er ging hinaus und weckte den Diener, um das Frühstück zu bestellen. Er war hungrig und übernächtig, das war alles. Noch während er dem Diener seine Aufträge gab, wurde er von einer heftigen Sehnsucht nach der Zigeunerin befallen. Das Verlangen nach ihrer Nähe schwoll ihm so stark vom Herzen zum Halse hinauf, daß er zu ersticken meinte, wenn er auch einen Augenblick nur zögerte. Mehr laufend als gehend erreichte er das Schlafgemach und ein jäher Schwindel erfaßte ihn, als er Saras leichte Gestalt wie ein lebendig gewordenes indisches Heiligenbild rasch und mit einem glücklichen Lächeln auf sich zugehen sah. Wenige Augenblicke später erwachte er aus einer kurzen Ohnmacht in den Armen der Zigeunerin und einige hastig hervorgestammelte Worte der Erklärung genügten, um die Besorgnis in ihren Zügen in eine stumme und selige Beglückung zu verwandeln.

Der Tag verging in einem wachsenden und durch nichts getrübten Glück. Verwunderlich war nur, daß Kyrill alle Dinge um sich herum schärfer und näher zu sehen meinte, als er es gewohnt war. Auch war ein beständiges Sausen in seinen Ohren wie von einer sehr fernen und lieblichen Musik. Er hatte aber nicht Lust, über dieses Phänomen nachzudenken, denn er glaubte sich nicht darüber wundern zu müssen, daß ein außerordentliches Erlebnis auch von außergewöhnlichen Nebenerscheinungen begleitet ward. Kyrill schlug alles Nachdenken um so freudiger in den Wind, als er die Liebe zur Zigeunerin immer stärker und inniger von allen Winkeln seiner Seele und seines Leibes Besitz ergreifen fühlte. Sie verbrachten mehrere Stunden auf den Inseln, nahmen ihr Mittagsmahl in einem hübschen Restaurant am Flußufer ein, gingen am Abend ins Theater und als Kyrill zum zweiten Mal mit Sara in der Nacht vor seiner Haustüre stand, ahnte er nicht, daß ihm niemals wieder in seinem Leben sorglos und ohne Furcht vor dieser Türe zu stehen beschieden war.

1. Oktober 2020 10:33:04 0 Bericht Einbetten Follow einer Story
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