marie-lindig1629976505 Marie Lindig

zwischenmenschliche Unsicherheit, perspektivisch von mir betrachtet, mit Blaufilter in der Brille.


Kurzgeschichten Alles öffentlich.

#tanzen #gehen #tanzengehen
Kurzgeschichte
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Augen. Sie verfolgen mich durch die Menge. Ich treibe zwischen den Menschen umher, die Karten sind seit einer Woche schon bezahlt. Es soll ein guter Abend werden, ein endlich wieder guter Abend. Und jeden Morgen, wenn ich aufstehe, versuche ich einen guten Tag entstehen zu lassen. Aber vielleicht wird es ja wenigstens ein guter Abend. Es ist wie zu fitscheln, mit Steinen, auf dem Wasser – es funktioniert nicht. Egal wie oft ich es versuche. Und dann stehe ich nur noch so da, und schaue den Steinen nach. Den einzelnen Ringen auf dem Wasser, die keine Interferenzen aufweisen. Es ist eine Freude, jedes Mal, wenn ich einen Stein aufhebe und ansetze, er mir langsam aus der Hand gleitet und ich loslasse. Und eine unglaubliche Enttäuschung, wenn er Richtung Wasser fliegt und nicht wieder abspringt. Dann geht er unter und wird nicht weitergetragen, wie alle anderen Steine zuvor auch. Und wie jeder Stein nachher. Es braucht tausende Versuche, die ich aber nicht unternehmen werde, weil ich zu schnell frustriert bin, es braucht tausende Versuche, um einmal einen Stein fitscheln zu lassen. Genauso sind es tausende Tage, um einmal nicht aufzuwachen und zu denken, vielleicht bist du wieder da. In meinem Leben, irgendwo hier. Um dann zu tasten, blind von der Sonne, die zwischen meinen Gardinen hindurchbrennt. Um irgendwann zu sehen, dass du es nicht bist. Tausende Tage, um an nur einem nicht aus dem Haus zu gehen und zu hoffen, dass ich dir nicht begegne, zu hoffen, dass du vielleicht heute weit weg bist. In der anderen Stadt, die viel schöner ist als diese hier, und von der du mir immer erzähltest. Ich werde dich sehen, unvermeidlich, denn hier ist alles einfach viel zu klein, um sich aus dem Weg zu gehen, und da waren wir uns einig. Vielleicht tanzt du wieder drei Meter neben mir, und ich, ich tanze auch. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Denn normalerweise haben wir immer zusammen getanzt aber jetzt, jetzt stehst du drei Meter neben mir und tanzt allein. Und ich stehe hier, versuche so auszusehen, als würde ich es nicht merken. Immer wieder werfe ich kleine Blicke zu dir, um zu begreifen, dass du wirklich so neben mir existierst. Und frage mich wieso. Wieso du nur so neben mir existieren kannst. Also stehe ich jetzt hier, drei Meter von dir entfernt, wenn es denn überhaupt drei Meter sind, und verhalte mich so, als wärst du nicht da. Denn wenn ich zugebe, dass ich sofort spüren würde, wenn du einen Raum betrittst, in welchem ich mich befinde, dann könnten wir uns nie wieder sehen. Und ich will auf keinen Fall, dass du nie wiederkommst. Aber hier bist du, drei Meter neben mir, tanzend, allein. Und ich müsste etwas sagen, müsste ja irgendetwas tun. Doch wenn ich dich einfach ignoriere, wenn ich mir weismache, ich hätte dich nie gekannt, als wäre ich nie freiwillig abends noch zu dir gefahren, als wäre ich nie bei dir, mit dir, aufgewacht, als wären all diese Tage ohne Bedeutung für mich; als wärst du mir nie wichtiger gewesen als ich dir. Wenn ich so tue, als wäre da kein Schmerz in mir und kein Verlust zu ertragen, nur dann kann ich irgendwie damit fertig werden, dass du da gerade, nicht einmal drei Meter von mir entfernt, tanzt. Und es dir auch irgendwie egal zu sein scheint, dass ich gerade drei Meter entfernt von dir tanze. Für dich waren es zwei. Ich sehe dich nicht, erinnere mich nicht, wie du mich einfach von hinten umarmt hast, mich geküsst hast, letztens, als wir noch zusammen tanzten. Nein. Denn was soll ich, was soll ich dir noch sagen. Ich lasse es lieber, sehe nicht, dass du gerade drei Meter, oder eben zwei, von mir entfernst tanzt, obwohl wir sonst immer zusammen tanzten. Und dann sitzt du da. Du siehst mich direkt an mit deinen Augen, die einmal wie der Himmel für mich waren, und das nicht nur wegen ihrer Farbe. Mit diesen himmelblauen Augen hast du mich angesehen, an dem Morgen, als ich versuchte zu lachen, mit Tränen in den meinen, da ich wusste, dies hier ist der letzte Morgen. Ich versuchte, dir zu zeigen, dass in mir nicht gerade alles zerbricht. Als du sagtest, dass wir in der nächsten Woche nochmal reden. Und ich wusste, dass es nie geschehen wird, ich wusste es in diesem Augenblick, als deine hellen blauen Augen mich durchbohrten und ich nur leise nicken konnte. Ich wollte mir alles an dir einprägen, mir aufheben für später, denn es war klar, dass du dich nicht melden wirst, und ich mich auch nicht. Weil ich es nicht übers Herz bringe, diese Augen, deine Augen, noch einmal zu sehen. Und jetzt, jetzt tanzt du neben mir, fast wie vor diesem Morgen, doch wir schweigen gemeinsam, und ich denke eine Woche lang darüber nach, was ich in diesem Moment hätte sagen sollen. Ich tanze hier allein, bis ich vergesse, dass du je da warst. Und dann gehe ich.

2. August 2022 08:53:34 0 Bericht Einbetten Follow einer Story
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Das Ende

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