marie-lindig1629976505 Marie Lindig

Der Versuch, zu verstehen, was passiert ist und zu akzeptieren, dass es in ein Nichts mündet.


Kurzgeschichten Alles öffentlich.

#angst #Liebe #verlust #verarbeiten
Kurzgeschichte
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Dein Raum


Im Garten sitzend warte ich auf den Sonnenuntergang, der sich langsam ankündigt. Die Bäume werden in Gelb und Orange getaucht, die Konturen verschwimmen, die Sonne brennt für die letzten zehn Minuten alles nieder, was sie bekommen kann. Die großen Kastanien, die ich als kleine Setzlinge hier gepflanzt habe, spendeten den Tag über wohltuenden Schatten. Nun werden die Beete mit den schwarzen Rosen bunt angestrahlt, doch sie verschlucken jedes Licht; sie sind wunderschön. Der Teich reflektiert den flammend rosanen Himmel, das Schilf leuchet hell am Rande. Erholsame Ruhe breitet sich aus, die Vögel verstummen langsam und auch die Insekten kehren in ihren Bau zurück. Ein Geruch steigt mir in die Nase, und ich weiß, dass es nun Zeit ist, meinen Lieblingsort zu verlassen. Ich stehe schläfrig auf und gehe einen kleinen Weg zwischen weiteren Beeten entlang zum Haus, hinter den großen Glasfenstern brennt eine schöne Lampe im Zimmer, welches mit der Terrasse und dem Garten verbunden ist. Jedes Zimmer dieses Hauses erfüllt mich, ich liebe es, hindurchzugehen. Es gibt auch einen großen Raum mit Büchern und riesigen Fensterbänken, auf welchen man den Blick auf den Garten genießen kann. Doch ich sehe in den Flur, und damit auch auf die Entscheidung, die ich Tag für Tag nicht fällen kann. Der dunkle Holzboden schimmert im schwachen Licht der bunten Lampen, jede ist für sich selbst einzigartig, und ich könnte sie stundenlang betrachten. Es gibt keine Türen, bis auf diese eine. Sie steht einen kleinen Spalt weit auf. Dein Duft wird durch das Haus getragen, ich fange ihn auf, meine Gedanken machen aus ihm, was nicht sein kann. Gegen die Wand kann ich mich fallen lassen, ich stütze mich ab, mein Blick heftet sich auf das Tiefschwarz hinter dem Spalt. Nun sehe ich dort keine Bilder mehr liegen wie einst, denn das Licht ist aus, ich musste es löschen, nachdem ich den Raum das letzte Mal verließ. Darin waren einige wirklich wichtige Sachen, aber nun ist er bis auf ein paar Überreste leer und dunkel. Ich betrete ihn nicht mehr, denn ich habe zu lange gebraucht, um endlich hinaus zu gehen, aber ihn nicht zu nutzen, obwohl er Einiges an Platz bietet, tut mir weh. Etwas Neues, Einfacheres, etwas ganz und gar Anderes könnte ich dort hineinstellen, und doch hadere ich, bezweifle, ob es etwas Besseres wäre. Und wie viel würde es wohl kosten, die Wände wieder neu zu bemalen, zu überstreichen, den Boden zu bohnern und zu polieren, bis all deine Spuren verwischt sind. Und all das nur für diesen Raum, in meinem Haus gibt es so viele Räume, wieso macht dieser eine Raum nur immer so viel mit mir. Er überschattet alles mit seiner nicht enden wollenden Dunkelheit, seiner gähnenden Leere, dieses Gefühl der Einsamkeit kriecht durch das ganze Haus, diese verlassene Stätte, immer wieder abgebrannt, immer wieder aufgebaut, eingerissen, abgeklebt, verschlossen, Ketten aufgebrochen, Mobiliar zerstört, erneut zugesperrt - doch jetzt steht die Tür einen kleinen Spalt weit offen und immer wenn ich hineinsehe, kann ich nur vage Umrisse erkennen, die der kleine Lichtkegel der Flurlampe, welcher durch den Türspalt fällt, mir offenbart. Schon setzt sich Staub auf die schöne Couch, und die Blumen sind sicher schon halb vertrocknet, aber noch einmal hineingehen, das Licht anmachen, um sie zu gießen, ihnen zu versprechen ich sei morgen wieder da, um sie nicht sterben zu lassen, selbst sie herauszuholen und draußen zu pflegen, das lähmt mich, und ich gehe nur vorbei in Gedanken an all das Gute, was nun verdirbt. Und bis ich die Kraft habe, um zu entscheiden, ob ich die Tür endlich wieder aufmache und vielleicht sogar ein Fenster einbauen lasse, oder ob ich sie irgendwann aus Wut und Enttäuschung zudrücke und verschließe, wird sie da so halboffen stehen bleiben und ich werde mich fragen, was ich nur mit diesem Raum tun soll, mit dieser Tür, mit diesen Blumen, die nicht mehr blühen, wem ich die Couch verkaufen soll und welche Farbe die Wand bekommen wird, und ich werde daran denken, wie ich getanzt habe vor Freude in diesem Raum, der nun alles Licht verschluckt und meine Gedanken am Abend zu sich zieht, um sie mit Leere zu füllen.



2. August 2022 09:06:34 0 Bericht Einbetten Follow einer Story
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Das Ende

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