Kurzgeschichte
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Ab morgen!

„Warum? Warum habe ich das getan? Das muss alles wieder herunter!", fluchte ich vor mich hin.


Wut, Ärger und Enttäuschung durchströmten mich und verdrängten die Freude, die Glücksgefühle und die Zufriedenheit, die mich vor ein paar Minuten noch erfüllt hatten.Vor ein paar Minuten, als meine Zunge das kalte Schokoladeneis berührte.


Und nun? Nun befand sich auch noch das letzte kleine Stück der Waffel in meinem Magen, der lautstark vor sich in rumorte. Na toll.


Es war immer das selbe! Jedes Mal! Ich wusste es doch! Aber vor zehn Minuten wusste ich es anscheinend nicht mehr.


Ich lief die Hauptstraße entlang. Neben mir eilten Frauen mit vollen Einkaufstüten herum, die sich wahrscheinlich gerade einen Bikini, sexy Unterwäsche oder ein hautenges, kurzes Kleid gekauft hatten.


Das werde ich auch bald, pflichtete ich mir bei und beruhigte mich ein wenig, als ich mir vorstellte, wie ich mit einem Bikini am Strand lag und die Blicke der Männer auf mich zog.


Ich blieb vor einer kleinen Botique stehen und blickte sehnsüchtig hinein. Meine Augen blieben an der spargeldünnen Schaufensterpuppe hängen. So wie sie würde ich bad auch aussehen.


"Du bist wunderschön", sagte ich zu ihr. „Das war ein Kompliment! Eingebildete Kuh!", schrie ich, als ich ihren bösen Blick wahrnahm. Sie schien wütend zu sein. Wütend, weil ich es wagte, sie anzusprechen.


Ich, bekleidet mit einem schlabbrigen Jogginganzug, da mir nichts anderes mehr passte, wagte es, eine Puppe anzusprechen, die ein edles, enges Kleid trug.


Aber nicht mehr lange und ich würde sagen: Jogginganzug, ade! In der Mülltonne ist noch Platz für dich!


Dann würde mir nämlich wieder meine alte Kleidung passen! Meine wunderschönen Miniröcke, bauchfreien Tops und die hautengen, kurzen Kleider!


Bei der Entschlossenheit, die ich besaß, konnte es schließlich nicht anders sein.


Erst heute hatte ich das ganze Internet durchforstet. Und das nur, um dieses Ziel zu erreichen. Über Diäten und alle möglichen Sportarten, die man hier in der Stadt machen konnte, hatte ich gelesen.


„Heute beginne ich damit!", sagte ich entschlossen zu mir. Das Eis musste schließlich wieder herunter.


Energisch machte ich mich auf den Weg zum Neckar. Einen Volleyballkurs sollte es dort geben.


Und so stand ich nun da. Außer Puste, da ich den ganzen Weg laufen musste. Die Bahnen hatten gestreikt. Jetzt blickte ich Frauen in Bikini an, Männer in Badehosen.


Alle durchtrainiert. Ich hatte hier nichts verloren.


Zum Glück gab es da noch den Parcours im Sportpark. Dieser wäre sowieso viel besser zum Abnehmen als Volleyball. Ich lief zum anderen Seite des Neckars. Doch auch hier passte ich nicht hin, merkte ich, als ich beobachtete, wie die Menschen Klimmzüge machten, Gewichte hoben oder an der Beinpresse arbeiteten.


Die beste Idee war sowieso der Fitness-Studio-Kurs. Da machten sie heute ein Bauch-Beine-Po-Workout. Das war etwas für mich!


Also lief ich zum Fitness-Studio. Ich musste rennen, der Kurs würde in wenigen Minuten beginnen.


Die Menschen aus dem ersten Bauch- Beine- Po- Kurs verließen die Halle. Die einen schnauften, als würden sie gleich sterben, ein junges Mädchen kippte tatsächlich um. Das war nichts für mich.


Der beste Sport, um Abzunehmen, ist und bleibt sowieso boxen! Das wollte ich schon immer mal ausprobieren. Für diesen Sport bin ich geboren!


Ich lief zum Boxstudio. Als ich in die Halle eintrat und in den Ring blickte, sah ich einen Kampf. Ein Mann schlug einen anderen Mann ins Gesicht. Dieser fiel um. Lag auf dem Boden. Bewegte sich nicht mehr.


Ich war doch nicht lebensmüde!


Egal, es ist sowieso erst einmal besser, klein anzufangen mit einer Diät. Dem war ich mir nun sicher. Von einer Saftdiät hatte ich heute auch im Internet gelesen. Demnach sollte man den ganzen Tag nur Säfte trinken und fasten und man verlöre fünf Kilo in einer Woche!


Dafür brauchte ich nur noch Obst und Gemüse!


Also lief ich zum Bioladen. Wenn, dann musste man schon anständiges Obst und Gemüse besorgen!


Warum schauen mich die Leute hier so an? Als hätten sie nichts besseres zu tun, als dumm zu glotzen. Du hast hier nichts verloren, drücken sie aus.


Jetzt habe ich ganz vergessen, was ich alles brauche. Egal, ich gehe einfach wieder.


Ich verließ den Laden so schnell, wie ich gekommen war und lief in Richtung Zuhause.


Bald war der Tag vorbei und alles hatte nichts gebracht.


Egal, ab morgen fange ich an. Morgen beginnt ein neuer Tag.


Oh, jetzt habe ich wieder Hunger. Ich gehe mal in meinen Lieblingsschubben. Wenigstens da bin ich willkommen.


Als ich durch die knarrende Tür trat, strahlte das Gesicht von Roland, dem Wirt, heller, als jeder Stern am Himmel. „Hi, meine Liebe, was kann ich dir Gutes bringen? Das selbe wie immer, 20 Chicken-Nuggets, zwei Cheeseburger, ein Chickenburger und eine Cola?"


Ich bejahe. „Heute ist mein letzter Tag hier." Wehmütig blickte ich ihn an.


Er nickte beiläufig, als hätte ich erzählt, dass mein 70-jähriger Nachbar heute ein grünes Oberteil trug.


So interessant schien er meinen Einwand zu finden.


Egal, vielleicht will er es nicht wahrhaben. Ich fuhr weiter. „Ab morgen beginne ich mit meiner Diät."


Wieder ein beiläufiges Nicken.


Ein zweites Mal heute stieg Wut, Ärger und Enttäuschung in mir auf. Diesmal jedoch nicht gegen mich, sondern gegen Roland.


Ohne einen weiteren Mucks von mir zu geben, schlang ich das Essen hinunter.


Es interessierte ihn ja sowieso nicht.


Draußen dämmerte es mittlerweile.


Der Tag ist aber schnell vorbeigegangen. So schnell und ich habe nichts geschafft, fluchte ich. Meine innerliche Wut und Enttäuschung, die sich durch Roland bereits wieder ausgebreitet hatten, wurde größer und erreichte schließlich ihr Maximum.


Egal, ab morgen werde ich anfangen mit der Diät und dem Sport, beschwichtigte ich. Ich werde joggen gehen. Es ist sowieso besser, wenn ich erst einmal alleine anfange und nicht in einer Gruppe.


Wieviel Uhr ist es eigentlich?


21 Uhr, sagte mein Handy.


Moment.


Ich blickte ein weiteres Mal darauf. Glaubte nicht, was ich da sah.


Zurückgelegte Kilometer: 20


„Bitte noch ein Eis zum Nachtisch!", rief ich Roland entgegen, nachdem ich meine Burger und Chicken-Nuggets gegessen hatte. Das hatte ich mir heute verdient.


8. April 2022 16:55:23 0 Bericht Einbetten Follow einer Story
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Das Ende

Über den Autor

Kristin Sypiena https://boldbooks.com/de/bold-and-untold/mai-2022/gespalten-zwei-unterschiedliche-welten

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