kristin-sypiena1630230473 Kristin Sypiena

Eine alte Frau wohnt einsam und verlassen in einem abgeschiedenen Haus. Die wenigen Menschen, die an dem Haus vorbeikomme, hören Stimmen. Stimmen, die sich anhören, wie die des toten Mannes. Doch wie kann dies möglich sein? Schnell spricht sich dies im ganzen Dorf herum. Der Seelsorger Horst beschließt, das Rätsel zu lösen und die unheimliche alte Frau, vor der sich alle fürchten, zu besuchen.


Kurzgeschichten Alles öffentlich.

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Kurzgeschichte
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Das Geheimnis der alten Dame

Der Wind wehte so stark, dass Horst Mühe hatte, einen Fuß vor den anderen zu setzten. Vielleicht sollte er die Richtung wieder ändern, dann hatte er wenigstens Rückenwind. Er wollte nicht mehr in dieses Haus, das aussah, als hätte seit Jahren niemand mehr darin gewohnt.

Dass dies nicht der Fall war, wusste er. Und dieses Wissen bereitete ihm Unbehagen.

Hier wohnte jemand. Eine alte Frau, vor der die Menschen im Dorf Angst hatten. Eine Frau, die ein Geheimnis zu haben schien.

Viel von dem Haus konnte man nicht mehr erkennen. Das verhinderte das Efeu, mit dem es zugewachsen war. Lediglich die Fenster der Hütte waren von diesem befreit geblieben. Dafür befanden sich teilweise riesige Löcher im Glas oder die Fensterscheiben fehlten komplett.

Wie konnte man es da drinnen nur im Winter aushalten? Es war erst Oktober und trotzdem fröstelte es Horst bereits. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Kinn.

Vermutlich konnten die wenigen Menschen, die in dieser verlassenen Gegend vorbei kamen, aufgrund der fehlenden Fensterscheiben alles hören, was sich im Haus abspielte.

Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, als er daran dachte, was die Leute ihm erzählt hatten. Noch konnte er abhauen. Es war noch nicht zu spät.

Er schickte den Gedanken wieder beiseite. Er hatte eine Pflicht zu erfüllen. Die Menschen im Dorf verließen sich auf ihn. Sie wollten, dass er das Rätsel löste, welches sich hier abspielte.

Manche waren der Überzeugung, die Frau, die hier wohnte, sei krank und müsse geheilt werden. Andere wiederum waren der Ansicht, die Dame hätte das pure Böse in sich und spielte den Menschen die ganze Zeit etwas vor. Andere gingen davon aus, dass sich in dem Haus ein Geist aufhielt.

Was es auch sein mochte, es würde einer ganz einfache Erklärung dafür geben, redete sich Horst ein. Und diese würde er herausfinden. Um seine Pflicht, die Leute zu beruhigen, zu erfüllen.

Doch was für eine Erklärung sollte es bitte dafür geben, dass in dem Haus Stimmen des toten Ehemannes der Frau zu hören waren?

Vielleicht stimmte es, dass die Frau den Tod ihres Mannes vorgespielt hatte, und ihn in Wirklichkeit im Haus festhielt. Aber wozu sollte sie dies getan haben?

Horst versuchte, diese Gedanken beiseite zu wischen. Es würde eine ganz einfache Erklärung hierfür geben.

Bestimmt spielte die Frau einfach nur alte Videoaufnahmen von der Zeit mit ihrem Mann ab. Er betrieb einfach ein bisschen Seelsorge, wie er es sonst auch immer tat. Dann würde es ihr schnell wieder besser gehen und sie bräuchte sich nicht mehr jeden Tag diese Videos hineinzuziehen. Sie könnte dann anders mit ihrer Trauer umgehen.

Ja, das würde er jetzt machen.

Mittlerweile hatte Horst die Tür erreicht. Er hörte noch nichts von den Stimmen. Wahrscheinlich sind die wirklich Kranken die Bewohner des Dorfes, versuchte er, sagte er sich. Sie langweilen sich und erfinden deswegen irgendwelche Geschichten, an die sie dann irgendwann selbst noch glauben, redete er sich ein und klopfte an der brüchigen Holztür. Einen Klingelknopf konnte er nicht entdecken, aber damit hatte er bereits gerechnet. Was sollte man von so einem alten Haus auch schon erwarten?

Es dauerte nicht lange, da öffnete sich die Tür, welche ein krachendes, lautes Geräusch hinterließ. Eine alte Frau mit grauen, wuscheligen und verklebten Haaren, die sie vermutlich seit Monaten oder gar Jahren nicht mehr gewaschen und gekämmt worden hatte, starrte ihn an.

Vermoderter Geruch strömte ihm entgegen und er hatte plötzlich den Drang, sich zu übergeben.

„Was kann ich für Sie tun?", fragte die Frau und setzte ein Lächeln auf, das Einblick auf ihre verfaulten und teilweise fehlenden Zähne bot. Plötzlich hatte Horst vergessen, was er hier machte. Er wusste nur Eines: Was er wollte, war, hier abzuhauen. Und zwar schnell.

Er war gerade dabei, sich umzudrehen, um dann so zügig es ging, davonzulaufen, da hörte er eine etwas tiefere, männliche Stimme „Hallo!", rufen.

Mitten in seiner Bewegung hielt er inne. Ihm war wieder eingefallen, was er hier wollte.

Ein Tonband war das mit Sicherheit nicht. Angst durchfuhr ihn.

Mit zittriger Stimme rief er „Hallo!", zurück. Auch, wenn er nicht sah, von wem die Begrüßung kam.

„Das ist Lora", sagte die Frau.

Lora? War das nicht ein Frauenname?

Ihm fiel auf, dass er ganz vergessen hatte, die Dorfbewohner zu fragen, wie der Mann der Frau hieß. Aber konnte sein Name Lora gewesen sein?

Vielleicht war das auch nur ein Spitzname von... vielleicht Laurentius? Ja, das musste es sein.

Seinem Impuls, sofort wieder umzudrehen und wegzulaufen, widerstand er. Er hatte die Pflicht, zu klären, was hier vor sich ging.

Das war seine Aufgabe als Seelsorger. Die Menschen zu beruhigen und ihnen zu zeigen, dass sie keine Angst zu haben brauchten. Aber war dies tatsächlich so? Sicher konnte sich Horst in diesem Moment nicht mehr sein.

„Wollen Sie vielleicht hineinkommen?", fragte die Frau.

Horst nickte zögernd und folgte ihr.

Innen wurde das Haus nicht unbedingt einladender, als es von außen schien. Aber die Frau wusste ja auch nicht, dass sie Besuch bekommt, versuchte Horst, sich die Regale, die aussahen, als wären sie seit zwanzig Jahren nicht mehr abgestaubt worden und die riesigen Spinnenweben schönzureden.

Kalte Luft strömte durch die offenen Fenster und der Holzboden knarckste, als Horst der Dame hinterher lief.

„Setzen Sie sich", sagte die Frau, als sie im Wohnzimmer angekommen waren.

Trotz des Feuers im Kamin war es nicht wirklich wärmer als draußen.

Mit ihren verschrumpelten Fingern deutete die Dame auf einen zerfressenen Ledersessel, der seine besten Jahre bereits hinter sich zu haben schien. Sie selbst ließ sich gegenüber auf einen Schaukelstuhl nieder

Sie wirkt wie eine Hexe, kam Horst der Gedanke. Mit zittrigen Beinen setzte er sich in den Sessel und schien darin zu versinken.

„Was verschafft mir denn die Ehre?", fragte die Frau.

„Verschiedene Bewohner des Dorfes haben mich kontaktiert und hierher geschickt, weil sie sich Sorgen machen", erwiderte Horst.

Die Frau lachte. Wieder war es ein lautes, schallendes Lachen. Und wieder kamen ihre nicht vorhandenen Zähne zum Vorschein.

„Warum Sorgen?", fragte sie, als sie aufgehört hatte zu lachen. „Die letzten dreißig Jahre hat sich niemand für mich interessiert, und ganz plötzlich machen sie sich Sorgen? Das sind alles Heuchler. Die einzigen, worüber die sich sorgen, sind sie selbst!"

Dem konnte Horst nicht widersprechen. Schließlich hatten die Anwohner ihn auch geschickt, weil sie selbst Angst hatten, und nicht nur, weil sie sich Gedanken über die Frau machten. Sie hatten Angst, dass ihnen selbst etwas zustoßen konnte, wenn sie mit einer so „Geisteskranken", wie manche sie nannten, zusammen in einem Dorf lebten.

„Wollen Sie vielleicht Lora dazuholen?", fragte Horst. Vielleicht würde es endlich Licht ins Dunkle bringen, wenn er endlich wusste, wer dieser geheimnisvolle Lora war. Auch, wenn Horst dabei kein gutes Gefühl hatte und ihn die Angst plagte, während er diesen Satz sagte.

„Lora ist im Nebenzimmer und da bleibt sie auch erst einmal." Von dem Lächeln, das die Frau noch vor wenigen Sekunden gezeigt hatte, war nichts mehr übrig. Stattdessen funkelte sie ihn an.

Sie ist sauer, stellte Horst fest. Ich hätte noch nicht nach Lora fragen sollen.

Gleichzeitig fühlte er sich auch erleichtert. Er hatte Angst vor Lora und war beruhigt, dass sie erst einmal nur zu zweit blieben. Ebenso fühlte er sich schlecht deswegen.

Er musste der Sache doch auf die Spur gehen.

Plötzlich dachte er noch einmal über den Satz der alten Frau nach. Hatte sie Lora gerade als „sie" betitelt? Also war Lora doch eine Frau?

Mittlerweile verstand er nichts mehr. Er war verwirrt, voller Unbehagen und wollte am Liebsten einfach nur noch nach Hause gehen. Vielleicht hatte er sich nur eingebildet, eine Männerstimme gehört zu haben, redete er sich ein. Er war heute mit dem falschen Fuß aufgestanden und ein wenig müde, das war bestimmt der Grund.

Aber auch die Anwohner hatten von Männerstimmen gesprochen.

Horst konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Das alles gab für ihn keinen Sinn mehr. Wie im falschen Film fühlte er sich.

Er fing an, die Anwohner des Dorfes zu verstehen. Er hatte ebenfalls ein mulmiges Gefühl und fürchtete sich vor der Frau, die da vor ihm saß. Wie auch vor der Person, die er im Nebenzimmer gehört hatte.

Ich will einfach nur noch weg, dachte er sich. Aber ich muss dieses Rätsel lösen.

Ich muss erfahren, wer Lora ist, und warum die Leute denken, die Frau lebt hier alleine, obwohl es so scheint, dass diese Lora sich hier ebenfalls dauerhaft befindet. Und warum kennt diese Person niemand? Und warum hört sich diese Person an, wie ein Mann? Und warum sagen die Leute im Dorf, sie hören Stimmen ihres verstorbenen Mannes?

Obwohl, muss ich das wirklich herausfinden? Ist das nicht die Aufgabe eines Detektives?

Eigentlich bin ich doch nur Seelsorger. Und das alles gehört nicht mehr in mein Aufgabengebiet.

Horst war hin- und hergerissen, kam dann jedoch zu dem Entschluss, erst zu gehen, wenn er das Mysterium gelöst hatte.

Und wenn es mein Leben kostet, sagte er sich. Dann ist es das auch wert.

„Ich dachte, wir könnten eine Runde Schach spielen", sagte er, als er das Schachbrett mit den Figuren auf einer kleinen Kommode erblickte.

„Oh, ich bin eine Meisterin im Schach. Gegen mich haben Sie keine Chance, aber wir können es gerne versuchen. Wie kommen Sie denn auf die Idee, ausgerechnet mit einer alten Frau wie mir Schach zu spielen?"

„Ich habe bereits gehört, dass sie eine Meisterin im Schach sind und dachte mir, das muss ich mir genauer ansehen. Meistens werde ich nicht genug herausgefordert, wenn ich mit meinen Freunden spiele. Ich dachte mir, ich brauche mal einen Profi als Gegner", log Horst und betete, dass sie keinen Verdacht schöpfte. Doch sie ließ es sich jedenfalls nicht anmerken.

„Ach toll, ich freue mich immer auf Gesellschaft. Leider habe ich die viel zu wenig. Wissen sie, sonst besucht mich leider nie jemand."

Horst bemitleidete die Frau. Wie musste sie sich wohl fühlen, einsam und verlassen in so einem abgeschiedenen Haus? Aber immerhin hatte sie ja noch Lora. Sie war also nicht komplett alleine.

Während des Schachs konzentrierte sie sich ganz auf das Spielen und erzählte nur kleine Bruchstücke ihres Lebens.

Ihr Mann sei vor einem Jahr durch einen schrecklichen Autounfall gestorben. Seitdem gehe es ihr sehr schlecht. Niemand, selbst die Enkelkinder hatten sie seitdem ein einziges Mal besucht. Sie wusste sich kaum noch zu helfen. Ihr einziger Trost sei Lora, mit der sie jedoch auch nicht viel anfangen konnte.

Lora scheint nicht mehr die fitteste zu sein, dachte sich Horst. Wenn schon diese alte Dame, die aussah, als müsste sie schon längst unter der Erde liegen, mit einer anderen Dame nichts mehr anfangen konnte, weil diese zu alt war, musste das schon einiges bedeuten. Obwohl die Frau mit den verfaulten Zähnen in im Kopf noch fitter zu sein schien, als sie äußerlich aussah. Denn sie gewann das Schach.

„Wollen sie noch eine Runde spielen?", fragte sie.

„Nein, lieber nicht. Ich glaube, ich habe keine Chance gegen Sie. Aber gerne ein anderes Mal. Ich übe bis dahin. Vielleicht kann ich Sie dann besiegen." Die Frau lachte, als hätte Horst gerade gesagt, dass seine Lieblingstiere rosa Einhörner seien.

„Naja, dann kommen Sie mich mal wann anders besuchen", sagte die Frau.

Mal sehen, dachte Horst, der endlich abhauen wollte.

Das alles hier hatte zu nichts geführt. Das einzige, das er nun wusste, war, dass ihr Mann durch einen Autounfall ums Leben gekommen war, dass ihre Enkelkinder sie nicht besuchen kamen, dass sie wirklich eine Meisterin im Schach zu sein schien und dass sie mit Lora nicht viel anfangen konnte.

Ich muss die Leute im Dorf leider enttäuschen, aber ich kann ihnen nicht helfen. Lieber verschwinde ich hier, bevor noch irgendetwas passiert, dachte er sich.

Ich muss mich selbst retten.

„Klar, ich freue mich schon richtig auf die nächste Schachrunde", log Horst.

„Und ich freue mich, wenn ich mal wieder von Ihnen Besuch bekomme." Die Frau lächelte ihn an. Ihr verfaultes Gebiss bewirkte wieder, dass in Horst Übelkeit ausgelöst wurde.

„Wenn Sie wollen, können sie auch noch kurz Lora sehen. Ich zeige sie nicht gleich jeden, wissen Sie? Aber Sie scheinen mir nett zu sein, deshalb mache ich eine Ausnahme."

Oh nein, dachte Horst. Er war froh, nun endlich abhauen zu können und musste jetzt doch noch in Loras Zimmer? Auch, wenn das die ganze Zeit sein Ziel gewesen war, nun wollte er es nicht mehr. Sein einziger Plan war, es irgendwie heil nach Hause zu schaffen.

Wer wusste schon, was ihn im Nebenzimmer erwartete?

Reiß dich zusammen, Horst, redete er sich ein. Die anderen werden schwer enttäuscht von dir sein. Sie verlassen sich auf dich. Außerdem werden sie dich mit Sicherheit suchen, wenn du nicht zurückkehrst. Sie wissen ja, wo du bist.

Horst fasste seinen ganzen Mut zusammen und folgte der alten Dame. Die Dielen knarcksten wieder, als er der Frau hinterher lief. Als sie vor dem Zimmer standen, in dem Lora sich befinden musste, hielt Horst die Luft an.

Langsam öffnete die Frau die Tür, die dabei ein lautes Krachen von sich gab. Horst bekam einen eiskalten Luftzug ab und Wind wehte ihm die Haare vor das Gesicht.

Langsam strich er den Vorhang vor den Augen weg und bereitete sich innerlich auf alles vor.

Doch auf das, was er gleich erblickte, war er nicht vorbereitet gewesen.

Als sein Sichtfeld wieder frei war, sah er in die dunklen Augen eines schwarzen, zerfledderten Papageis.

„Hallo", sagte dieses Mal eine Frauenstimme zu ihm.

22. Oktober 2021 19:46:40 0 Bericht Einbetten Follow einer Story
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Das Ende

Über den Autor

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